Ein Märchen?
Es war einmal ...
eine Familie in einem kleinen Dorf, die besonders gesegnet war. Alles was diese Familie unternahm, gelang zur Zufriedenheit. Mit der Zeit wurde die Familie reich und begann, den anderen Dorfbewohnern kleine Kredite zu gewähren, damit es ihnen auch besser gehen sollte. Die Dorfbewohner waren der Familie dankbar, dass sie ihnen geholfen hatte, und so gaben sie immer etwas mehr zurück, als ihnen geliehen worden war. Das ging eine Generation so weiter, alle waren zufrieden, das Dorf entwickelte sich zu einer wohlhabenden Gemeinde.
Die jungen Leute der reichen Familie waren nun daran gewöhnt, dass die Rückzahlung der Kredite immer ein wenig größer war als die geliehene Summe. Und so begannen sie, diesen Überschuss zu erwarten. Sie legten den Anteil fest, der über die geliehene Summe zurück zu zahlen sei. Die Dorfbewohner hatten zwar ein ungutes Gefühl dabei, dass jetzt nicht mehr ihre freiwillige Draufgabe in der ihnen möglichen Höhe akzeptiert wurde, sondern ein fester Anteil gefordert wurde, der Zins genannt wurde. Aber noch war diese Forderung tragbar.
Langsam wurde der Zins erhöht, die Familie wurde immer reicher und hatte es nicht mehr nötig, selbst zu arbeiten. Sie verwaltete jetzt nur noch ihren Reichtum. Da der Zins nicht mehr ganz von der Familie verbraucht werden konnte, wurden auch aus dem Zins neue Kredite gewährt, die wiederum einen Überschuss erbrachten, den Zinseszins.
Jetzt war der Zeitpunkt für die Familie gekommen, Regeln festzulegen, die ihre Art der Wirtschaft festschreiben sollten. Sie schafften Wächter an, die die Einhaltung der Regeln überwachten und durchsetzten.
Mit der Zeit nahm der Reichtum der Familie so exponentiell zu, dass das ganze Dorf mit allem Inventar einschließlich des Viehs und der Menschen ihnen gehörte. Die Menschen waren von der Familie abhängig geworden, sie waren wie Sklaven geworden. Damit die Bewohner das aber nicht merkten, nannte die Familie diese Wirtschaftsweise „freie Marktwirtschaft“ und erlaubte, dass die Bevölkerung ihre Wächter selbst wählen durfte, und sie nannten diese Form der Herrschaft „Demokratie“. Das sollte bedeuten, dass die Bewohner sich als der Souverän fühlen sollten, der alle Regeln bestimmen konnte. Es wurde überall verbreitet, dass vom Souverän, vom Volk, alle Staatsgewalt ausgehe. Und so ließen sich die Bewohner einlullen und waren leidlich zufrieden. Manchmal murrten sie zwar, aber es wurde ihnen schnell deutlich und es wurde ein geflügeltes Wort: „Man kann ja doch nichts machen!“
Aber mit der Zeit merkten immer mehr Leute, dass sie nur noch für die reiche Familie arbeiteten und sie sannen auf Abhilfe. Sie gründeten einen Tauschring und benutzten das Geld der reichen Familie nicht mehr. Sie schafften sich ein eigenes Geld und gaben sich ohne Zinsen gegenseitige Kredite. So kamen sie nach und nach wieder zu einem erträglicheren Leben. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.
Nach einem Artikel aus „Humanwirtschaft“ März/April 2004