Essay zum Zusammenhang von Geldordnung und den Fundamenten der sozialen Sicherheit.
Bereits Mitte des 18.Jahrhunderts beschrieb David Hume die soziale Gerechtigkeit als Mittel zur Schlichtung sozialer Interessenskonflikte. Nach Hume bestehen die Fundamente der sozialen Sicherheit im Eigentum, im bindenden Charakter von Verträgen und in sozialer Verteilungsgerechtigkeit.
Die These des vorliegenden Essays ist, dass diese Fundamente durch die herrschende Geldordnung nicht nur negativ beeinflusst, sondern sukzessive komplett verunmöglicht werden.
Dazu soll zunächst die Zins- und Geldschöpfungsproblematik aufgezeigt werden.
Für viele von uns ist Geld alltags bestimmend und häufig eine kritische Größe: „Wie teuer ist dieses oder jenes, wie viel verdiene ich, kann ich mir diese oder jenes leisten oder (noch) nicht?“ Wir bezeichnen im Wesentlichen Münzen, Geldscheine und Guthaben auf dem Girokonto, der Kreditkarte oder Schecks als Geld.
Die Verflechtung des Geldes mit dem Zins gilt dabei als selbstverständlich, ja als fast natürliches Phänomen. Nur wissen die meisten Menschen nicht, dass der innerste Funktionsmechanismus des Zinses die Umverteilung der Vermögen des Großteils der Bevölkerung zu einer sehr kleinen, sehr reichen Bevölkerungsschicht ist.
Aus diesem Grund bezeichnet z.B. die christliche Lehre jeglichen Zins als Wucher und verbietet ihn, so wie sich ein Zinsverbot in allen großen Weltreligionen finden lässt. Silvio Gesell prognostizierte bereits 1918 die negativen gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen durch den Zins und den daraus erwachsenden 2.Weltkrieg verblüffend genau. Er leitete seine Vorhersage auf Grundlage der Verflechtung von Geld und Zins her und wies Alternativen auf.
Geld als Tauschmittel ist in der arbeitsteiligen Gesellschaft eine der nützlichsten Erfindungen, doch zur Verwirklichung der Fundamente sozialer Sicherheit nach David Hume ist eine Fortentwicklung der Geldordnung nötig.
Um uns der Problematik zu nähern, scheint es sinnvoll, zuerst die Frage nach der Herkunft des Geldes zu beantworten. Die Vernunft verleitet zur Annahme, dass das öffentliche Gut Geld durch eine öffentliche Institution in den Umlauf gebracht wird.
Die Geldmenge jedoch besteht zunehmend nur noch aus digitalem Geld, sogenanntes Giralgeld (auch Buchgeld oder Sichteinlagen) und nur ein sehr kleiner Teil ist als tatsächliches Bargeld (Zentralbankgeld) in Umlauf. Dieses Giralgeld allerdings wird nicht von einer öffentlichen oder zentralen Stelle herausgegeben und kontrolliert, sondern im Gegenteil von den Geschäftsbanken durch Kreditvergabe neu erschaffen. Somit ist die Geldmenge jeglicher öffentlichen Steuerung in Bezug auf gesellschaftliche Ziele entzogen. Die zum Teil private EZB plant zwar zentralistisch einen „Zielkorridor“ für die Wirtschaft, kann das Ausmaß der Geldschöpfung jedoch nur beeinflussen, nicht kontrollieren.
Genauer wird dies im Schülerbuch der Deutschen Bundesbank beschrieben: Wenn eine Geschäftsbank einem Kunden einen Kredit gewährt, dann bucht sie in ihrer Bilanz auf der Aktivseite eine Kreditforderung gegenüber dem Kunden ein. Gleichzeitig schreibt die Geschäftsbank dem Kunden auf dessen Girokonto, das auf der Passivseite der Bankbilanz geführt wird, den Betrag gut. Diese Gutschrift erhöht die Einlagen des Kunden auf seinem Girokonto – es entsteht brandneues Giralgeld, das die Geldmenge erhöht. Dieses Giralgeld war also vor der Kreditvergabe nicht existent, sondern wird durch diesen Buchungsvorgang grundsätzlich neu erschaffen.
Des weiteren ist die spezielle Funktionsweise von Zins und Zinseszins und die damit verbundenen Probleme zu berücksichtigen. 1971 musste Richard Nixon den US-Goldstandard aufheben und damit den Weltwährungsbetrug der US Notenbank Federal Reserve mit Hilfe der Weltbank und des IWFs zugeben. Seit dieser Zeit ist Geld auch offiziell durch kein reelles Gut gedeckt, noch an irgendeinen anderen Wert gebunden.
Durch die eben beschriebene kreditbasierte Geldschöpfung ist Geld immer durch ein vertraglich geregeltes Schuldverhältnis entstanden. Somit kann vereinfacht gesagt werden, Geld ist Schuld. Beim Begleichen der Kreditschuld wird das Geld entsprechend zurückgeführt und vernichtet.
Ein Kredit besteht aus drei Elementen, der Tilgung, dem Zins und der Sicherheit. Vor dem Kreditvertrag existiert nur die Sicherheit. Durch den Kredit wird der Tilgungsbetrag durch die entsprechende Buchung der Geschäftsbank erschaffen.
Der Zins wird hingegen nicht erschaffen. Diesen muss sich der Kreditnehmer zum Ablauf der Vertragszeit entweder erneut durch einen Kredit von der Geschäftsbank erschaffen lassen oder der Zins muss „erwirtschaftet“ werden. Letzteres bedeutet allerdings nur eine Verlagerung der Neuverschuldung, da nun ein anderer diesen Mehrbetrag zu besorgen hat. Gesamtwirtschaftlich gesehen fordern die Geschäftsbanken von den Nichtbanken mehr Geld ein, nämlich Tilgung plus Zins, als bei der Kreditvergabe erschaffen wurde. Dies führt wiederum zu einem Verschuldungszwang aller Nichtbanken.
Um diesen exponentiellen Charakter des Verschuldungszwangs zu erklären, soll zunächst das Funktionieren einer verzinsten Sparanlage aufgezeigt werden:
Verzinst sich ein Geldbetrag jährlich um den gleichen Prozentsatz, so wächst der Betrag über den Zinseszins exponentiell an. Per Faustformel verdoppelt sich der Betrag abhängig vom Zinssatz alle 15 (bei 5%), 10 (7%), 7 (10%) und 5 (15%) Jahre. Bei einem Zinssatz von beispielsweise 7% verdoppelt sich der Betrag alle zehn Jahre bzw. würde sich bei einer Anlagedauer von 70 Jahren bei einem Zinssatz von 10% p.a. das angelegte Geld vertausendfachen.
Jegliches Geldguthaben wiederum kann nur existieren, weil sich irgendjemand zuvor einen Kredit genommen, das bedeutet: irgendjemand hat das existierende Guthaben immer als Schuld. Das Geldvermögen wächst durch den Zinseszins kontinuierlich und exponentiell an und so muss sich auch die Geldschuld entsprechend vermehren. Für den Geldverleiher bedeutet der Zins ein leistungsloses Einkommen zu Lasten derer, die diesen Zins erarbeiten müssen. Nun sind Letztere immer bestrebt, dieses Geld als Zins jemand anderem abzuringen. In Bezug auf Unternehmen bedeutet dies, dass sie diesen Zins als Kapitalkosten mit in ihre Verkaufspreise einkalkulieren.
Auch Eigenkapital soll Zinsen abwerfen, nur spricht man hier von Gewinnen oder Rendite. Die Eigentümer und Vermieter legen den Zins auf die Mieter um. In Folge dieser Zusammenhänge zahlt letztendlich jeder Zinsen: Über die Miete, über Lebensmittel, Energie und in allen anderen Preisen sind kalkulatorisch die Zinsen enthalten, die der Gläubiger einfordert.
Unternehmen, Private und der Staat werden durch die Zinszahlungen genötigt, sich zunehmend zu verschulden.
Aus dieser exponentiell wachsenden Verschuldung entsteht die Forderung nach exponentiellem Wirtschaftswachstum, d.h. es wird versucht, der virtuellen Geldvermehrung entsprechend mehr reelle Güter gegenüber zu stellen.
Die Unmöglichkeit wird durch ein Zitat des Wirtschaftswissenschaftlers Kenneth E. Boulding deutlich: „Jeder, der glaubt, dass exponentielles Wachstum in einer endlichen Welt unendlich lange andauern kann, ist entweder ein Verrückter oder ein Wirtschaftswissenschaftler.“
Daraus leitet sich ab, dass die Kreditverträge in ihrer Gesamtheit nicht bedient werden können. Der bindende Charakter von Verträgen ist jedoch nach Hume eins der drei Fundamente sozialer Sicherheit. Kann eine Nichtbank der Geldforderung nicht nachkommen, so pfändet die Geschäftsbank die Sicherheit und die Nichtbank verliert ihr Eigentum. Das Eigentum wiederum ist das zweite Fundament, welches resultierend aus der Geldordnung, also systemimmanent, nicht verwirklicht werden kann. Das dritte Fundament, die Verteilungsgerechtigkeit, wird in Folge des Eigentumsverlustes und des generellen Verschuldungszwangs ebenfalls verunmöglicht.
Gerade aktuell ist nicht mehr zu übersehen, dass jeder Staat in Europa und auch die USA bedrohlich stark verschuldet sind. Dabei findet außerdem die gerade angesprochene Umverteilung des Eigentums zu den Geldvermögen statt. Bei vielen wachsen die Schuldenberge und bei einigen wenigen die Vermögen. Die daraus entstehenden sozialen Ungleichgewichte müssen sich zwangsläufig in Krisen entladen und gehen voll zu Lasten der großen Bevölkerungsmehrheit.
Der Zusammenhang zwischen Geldordnung, Wirtschaft und sozialer Sicherheit lässt sich am Geldordnungsexperiment in Wörgl in Österreich um 1930 erkennen. Damals konnten durch die Einführung einer komplementären Regionalwährung alle anstehenden Bauprojekte realisiert werden und die Arbeitslosenquote sank in einem Jahr um 25%, während sie im restlichen Österreich weiter explodierte. Das auf den Schriften Silvio Gesell basierende Geldordnungsexperiment war so erfolgreich, dass über einhundert Gemeinden es übernehmen wollten. Die österreichische Zentralbank jedoch klagte ihr Geldschöpfungsmonopol gerichtlich ein und so wurden diese Freigeldversuche unter Androhung von Armeeeinsatz beendet.
Könnten aber Gemeinden auf regionaler Ebene, wie damals in Wörgl, selber Geld schöpfen und durch öffentliche Ausgaben in Umlauf bringen, können die Fundamente der sozialen Sicherheit verwirklicht werden: Es müsste keine Kreditverträge mehr geben, welche im Gesamtsystem nicht bedient werden können und öffentliches Eigentum könnte erhalten bleiben, weil die öffentliche Hand sich nicht verschulden muss. Eine Umlaufsicherungsgebühr des Geldes würde einerseits jegliche Besteuerung durch den Staat überflüssig machen und könnte andererseits den Zins auf Null senken. Ein öffentliches Organ hätte dann die Möglichkeit die Geldmenge und den Geldfluss zum Gemeinwohl zu kontrollieren, womit auch Verteilungsgerechtigkeit gefördert werden könnte.
Fazit:
Der Geldschöpfungsprozess durch Kreditvergabe führt zum Verschuldungszwang bei Privaten, Unternehmen und Staat. Daraus erwachsen Spannungen zwischen Arm und Reich, die sich in Krisen entladen, nachhaltiges Wirtschaften ist damit nicht möglich und die Fundamente sozialer Sicherheit können nicht verwirklicht werden.
Es gilt, die Geldpolitik als größten Einflussfaktor für die Wirtschaft und der sozialen Sicherheit zu identifizieren. Lösungsmöglichkeiten sind vielseitig und müssen konstruktiv von der breiten Masse diskutiert werden. Die Aufklärung zur Geldordnung ist der nächste zu beschreitende Schritt der menschlichen Evolution.
© Martin Okunnuga